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von Manfred SteinPDF-download

aus EU.L.E.N-SPIEGEL 2/2007 S. 1-2

Die Deutschen lieben ihre Tiere. Ein Heer von Züchtern und international agierenden Importeuren bedienen teils legal, teils illegal die wachsende Nachfrage. Mittlerweile bevölkern 7,8 Millionen Katzen, 5,3 Millionen Hunde und 6,3 Millionen Kaninchen, Mäuse, Meerschweinchen usw. deutsche Haushalte. Hinzu kommen 3,8 Millionen Ziervögel, 1,95 Millionen Aquarien mit Fischen sowie 420 000 Terrarien, in denen sich Reptilien und Amphibien tummeln.

Katzenkuss© soupstock / www.fotolia.deDaneben sorgen 1,4 Millionen Gartenteiche und eine unendliche Zahl von Vogelfutterhäuschen bzw. -tränken für einen intensiven Kontakt zur Kreatur. Nicht zuletzt gibt es den Trend, Tiere aus der Landwirtschaft – wie Hühner, Enten, Ziegen, Schafe und (Mini-)Schweine – im Garten zu halten, ohne ihre spezifischen Bedürfnisse zu kennen. Betreut werden sie meist von Kleintierpraktikern, die mit Geflügel-, Schweine- und Ziegenerkrankungen nicht vertraut sind.

Wenn Katzen kratzen

Tiere erfreuen den Menschen – und infizieren ihn, wobei die Angelegenheit wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Nach groben...

...Schätzungen können etwa 800 Erreger und damit hunderte von Krankheiten vom Tier auf den Menschen übergehen. Viele dieser teils exotischen Zoonosen werden vom Hausarzt nicht erkannt, da es an Fortbildung und geeigneten Labortests fehlt. Zum Glück ist ein Teil der Erkrankungen „selbstlimitierend" und heilt von alleine ab.

So beispielsweise die „Katzenkratzkrankheit" durch das Bakterium Bartonella henselae. Die Keime gelangen mit Flohkot ins Katzenfell und mit dem Streicheln an die Hände und unter die Fingernägel der Katzenfreunde. Über winzige Verletzungen dringen sie dann in den menschlichen Körper ein. Auch an den Krallen der Katze kann sich Erregermaterial befinden. An der verletzten Hautstelle treten dann schmerzlose kleine, rotbraune Punkte auf, die häufig zunächst als Insektenstiche fehlgedeutet und behandelt werden. Bei Kindern entwickeln sich gelegentlich schlecht heilende Hautknötchen, geschwollene Lymphknoten oder sogar unter Umständen Kopf- und Gelenkschmerzen sowie Übelkeit und Erbrechen. Vor allem in diesen Fällen ist eine Behandlung mit Antibiotika nötig.

Tierische Keime auf dem Tisch

Auch wenn wir sie nicht essen, sind unsere Haustiere an so genannten „Lebensmittelinfektionen" beteiligt – selbst dann, wenn der Verdacht auf die Hackfleischsoße oder den Eiersalat fällt. Oft genug kommen die Krankheitserreger über das eigene Haustier und nicht über eine schlampige Schlachttechnik ins Essen. In der Küche werden beispielsweise die Gemüse und Salate aus dem eigenen Garten verarbeitet, die dort zwar ohne Pestizide angebaut, aber über Hunde- und Katzenkot mit Spulwurmeiern und Toxoplasma-Oocysten kontaminiert wurden.

Doch Haustiere können nicht nur Parasiten, sondern auch andere klassische Lebensmittelvergifter beherbergen. Norwegische Wissenschaftler fanden bei jedem fünften Hund und bei jeder fünften Katze Campylobacter-Bakterien. Wohlgemerkt, die Tiere waren gesund. Nach einer Untersuchung der Universität Aberdeen in Schottland war sogar jeder zweite Hund mit Campylobacter infiziert. „Wir wissen, dass mit Campylobacter infiziertes Geflügel Lebensmittelinfektionen auslösen kann, aber wir wissen nicht, ob dies die Hauptursache ist", sagte der Mikrobiologe Professor Hugh Pennington daraufhin der BBC. Er vermutet, dass sich Hunde über Vogelkot infizieren.

Felis catus predator est

Katzen hingegen schleppen oft Salmonellen in Haushalte ein, wenn sie Wildvögel fangen, die von einer Salmonellose geschwächt sind. Dabei leistet der Mensch ungewollt Vorschub, indem er Vogelhäuschen und -futter bereitstellt. Durch die Konzentration der Vögel werden Krankheiten rasch verbreitet. In der Landwirtschaft wird dies als „Crowding Disease" bezeichnet und als Geißel der Massentierhaltung gebrandmarkt. Vergleichbare Infektionswege entstehen, wenn Katzen Ratten, Mäuse und anderes Kleingetier fangen und stolz in die Wohnung tragen.

Auch in Terrarien gehaltene Reptilien sind häufig mit Salmonellen infiziert. Wissenschaftler der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere in Wusterhausen fanden in mehr als der Hälfte von Reptilienkotproben Salmonellen. Währenddessen tragen Kaninchen aus Zoohandel und Streichelzoos nicht selten die bei Intensivmedizinern gefürchteten EHEC-Bakterien in ihrem Darm. Damit sind sie insbesondere für Kinder und immunschwache Menschen ein ernstzunehmendes Infektionsrisiko.

Dienstleistungsdrehscheibe Küche

Ernährt und versorgt werden die Hausgenossen wie ihre Besitzer über die Küche. Hier werden auch Aquarien, Terrarien, Käfige, Transportboxen und Näpfe gereinigt und „Abfallfleisch" als Tierfutter portioniert. Zudem sind Küchen und gedeckte Tische beliebte Jagdreviere insbesondere für Katzen und frei fliegende Ziervögel. Nicht zuletzt demonstriert der echte Tierfreund seine Liebe, indem er den Hund vom Tisch und den Papagei mit dem Mund füttert oder die Katze mit ins Bett lässt.

Über den genauen Beitrag von Haustieren zu „Lebensmittelinfektionen" lässt sich bislang nur spekulieren – vor allem, weil die Gesamtzahl der Lebensmittelvergiftungen in Deutschland unbekannt ist. Gemeldet werden circa 200 000 pro Jahr. Da sie oft nach wenigen Tagen ausgestanden sind, suchen die wenigsten Betroffenen einen Arzt auf. Dieser behandelt zumeist auch nur symptomatisch, so dass Erreger und Infektionsweg unbekannt bleiben. Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich in Deutschland über eine Million Menschen an Lebensmittelinfektionen erkranken.