Brotzeit

Spruehflugzeug

Es ist schon grausam – immer neue Hiobsbotschaften über Chemie im Essen können einem bei der Brotzeit den Appetit verschlagen.

Ein ebenso regelmäßiger wie ungebetener Gast bei Tisch ist Glyphosat – früher erschien er nur in Bier und Brezen, jetzt wurde er schon in Milch aufgespürt. Molkereien zeigten sich entsetzt und verboten den Landwirten die Verwendung des Unkrautmittels. Nützen wird das kaum.
Spätestens bei der Milch wird der Chemiker mißtrauisch. Glyphosat kann nämlich aufgrund seiner Eigenschaften gar nicht übers Futter bis in die Milch gelangen.

Hat da etwa jemand eine Spur Glyphosat heimlich in den Tank gekippt? Nein. Es liegt...

...vielmehr an der Analytik: Im Labor wurde oftmals nicht das Glyphosat selbst gemessen, sondern ein Metabolit namens AMPA, die Abkürzung für Aminomethyl-Phosphonsäure. AMPA entsteht nun nicht nur aus Glyphosat, sondern ganz allgemein beim Abbau der sog. Phosphonate. Zu denen zählen neben Glyphosat noch viele weitere Substanzen, von denen einige sogar im Haushalt verwendet werden.

Phosphonate sind wichtige Reinigungsmittel. Weil der Landwirt sein Melkzeug genauso reinigen muss wie die Molkerei ihre Anlagen – gelangt AMPA in die Milch. Was für Molkereien gilt, gilt auch Brauereien, ja für die gesamte Lebensmittelproduktion. Über die Kläranlagen gelangt es ins Wasser. Natürlich kann man die Phosphonate durch andere Reinigungsmittel ersetzen – dann sind halt andere Spuren drin. Besonders problematisch sind übrigens die Jodophore durch ihren Jodgehalt. Da ist mir, wenn ich die Wahl habe, das AMPA schon lieber.
Phosphonate sind auch als Medikamente beliebt und zwar bei Osteoporose. Die Dosierungen liegen um Zehnerpotenzen über dem, was an Rückständen so gefunden wird.

Da man aufgrund der breiten Verwendung von Phosphonaten überall AMPA-Spuren findet, verbreiten die Aktivisten ungeniert, das Pestizid sei überall. Milch verseucht, Bier verseucht, Wasser verseucht. Derweil erzählt der Arzt seiner Patientin, dass dank dieser Wirkstoffe die Osteoporose ihren Schrecken verloren habe.

Dafür droht als neuer Schrecken Krebs durch Glyphosat. Anlaß ist eine Fütterungsstudie mit Ratten. Die Autoren, ausgewiesene Aktivisten gegen das Teufelszeug, zeigten scheußliche Fotos mit monströsen Krebsgeschwulsten nach Fütterung mit glyphosatbehandeltem Mais. Dazu mussten die Aktivisten ein wenig mogeln: Denn sie nahmen Spezialratten, die schnell Tumoren entwickeln. Da muss man nicht lange warten, und schon sieht man verkrebste Ratten. Mit dieser Methodik hätten die Autoren genauso gut „beweisen“ können, dass Biomais ohne Glyphosat auch zu Krebs führt.

Nur Tierquäler warten solange, bis die Ratten qualvoll krepieren, um Fotos schießen zu können. Seriöse Forscher töten die Nager bevor die Geschwulste ins Auge stechen. Aber eigentlich braucht man da gar keine Kenntnisse in Versuchstierkunde. Denn wenn es so wäre, wie die Medien berichteten, müßten in den USA, also dort wo Glyphosat oft über das vernünftige Maß hinaus eingesetzt wird, das Vieh im Stall, aber auch die Tiere in freier Wildbahn flächendeckend in jungen Jahren an monströsen Tumoren krepieren. Tun sie aber nicht.
Wer weiß, vielleicht ist die Wirkung eine ganz andere? Ich hätte hier zwei Studien anzubieten von US-Stammzellenforschern: Sie haben herausgefunden, dass AMPA, ja teilweise sogar die Ausgangssubstanz Glyphosat das Wachstum zahlreicher menschlicher Tumorzellarten blockiert, beispielsweise von Prostatakrebs.
Wäre der Stoff in Himbeeren vertreten, dann wäre der Jubel groß – aber ein Pflanzenschutzmittel ist natürlich keine Meldung wert. Hoffnung für Krebspatienten dürfen nur ideologisch korrekte Stoffe wecken.

Nun taucht in den Medien eine Studie auf, die herausgefunden haben will, dass Glyphosat die Darmflora schädigt. Das ist nicht unlogisch, denn der Stoff hat – in ausreichender Dosis - antibiotische Wirkungen wie auch viele Inhaltsstoffe von Obst – sonst würden die Früchte in freier Natur noch am Baum verfaulen. Doch die Autoren erklären, dass bereits Spuren den Ratten geschadet hätten.

Ein Blick in die Studie hilft weiter: Und dort sieht man – nichts. Die Ergebnisse sind so verteilt, wie bei einem Schrotschuss. Man fragt sich unwillkürlich, wer sich so einen Nonsense leisten kann? Ein Istituto Ramazzini bei Bologna – eine soziale Cooperative, die Spenden sammelt. Um ins Gerede zu kommen, ist so eine Glyphosat-„Studie“ keine schlechte Idee. Wer hehre soziale Ziele vorschiebt, wer dringend Geld braucht, nimmt es vielleicht mit der wissenschaftlichen Redlichkeit nicht so genau.

Ökotest hat gerade ein „besonders bedenkliches“ Pestizid in Supermarktware aufgespürt: Tebuconazol. Wiewenig von diesem Fungizid wirklich im Essen war, darüber schweigt das Blatt. Aber Tebuconazol stünde im Verdacht womöglich Krebs auszulösen. Wenn man bedenkt, dass etwa 1/3 aller in Pflanzenkost vorkommenden Naturstoffe in irgendeinem Testsystem als krebserregend eingestuft wurde, dann ist der Befund nur lauwarme Luft.

Das genannte Fungizid zählt zur Stoffklasse der Triazole, die machen pilzlichen Erregern den Garaus. Ein paar der Wirkstoffe versprüht der Obst- und Gemüsebauer, die anderen verschreibt der Arzt bei Fußpilzen, Darmpilzen und Scheidenpilzen, wie Candida. Und damit es auch wirkt, sind die erforderlichen Dosierungen viel, viel höher als die Rückstände im Gemüse.

Pflanzenschutzmittel und Menschenschutzmittel – also Pestizide und Medikamente sind viel enger miteinander verwandt, als die meisten Bürger ahnen. Als Arznei wird es hochdosiert eingenommen und als Retter in der Not gefeiert – als Pestizid ist der gleiche Stoff ein Todesbote, vor allem wenn es um unvorstellbar kleine Mengen geht. Ohne Pflanzenschutz kein Menschenschutz – denn ohne Nahrung erledigt sich das Thema Gesundheit ganz von allein. Deshalb: Guten Appetit!

 

Literatur

Parajuli KR et al: Aminomethylphosphonic acid and methoxyacetic acid induce apoptosis in prostate cancer cells. International Journal of Molecular Sciences 2015; 16: 11750-11765

Li Q et al: Glyphosate and AMPA inhibit cancer cell growth through inhibiting intracellular glycine synthesis. Drug Design, Development and Therapy 2013; 7: 635–643

BfR: BfR-Studie bestätigt: Kein Glyphosat in Muttermilch nachweisbar. Pressemeldung 08/2016, 11.02.2016

Ames BN et al: Dietary pesticides (99.99% all natural). PNAS 1990; 87: 7777-7781

Seralini GE et al: RETRACTED: Long term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerant genetically modified maize. Food and Chemical Toxicology 2012; 50: 4221-4231

Mao Q et al: The Ramazzini Institute 13-week pilot study on glyphosate and Roundup administered at human-equivalent dose to Sprague Dawley rats: effects on the microbiome. Environmental Health 2018; 17: e50

Anon: Glyphosat verändert die Darmflora. Deutsche Welle 6. Juni 2018

Weiland M et al: Phosphonic acid: pesticide or "foliar fertilizier"? Residues in organic and conventional samples from the German market. CVUA Stuttgart, European Pesticide Residue Workshop 2014

Hinsch B: Keine einsame Spitze. Öko-Test Magazin 2018; H.6: 28-38

Sevrain CM et al: Phosphonic acid: preparation and applications. Beilstein Journal of Organic Chemistry 2017; 13: 2186–2213

DrzyzgaD, Lipok J: Analytical insight into degradation processes of aminopolyphosphonates as potential factors that induce cyanobacterial blooms. Environmental Science & Pollution Research 2017; 24: 24364–24375