Weniger Fleisch könnte Klima & Umwelt  schaden!

TreibhausSitzen wir bald alle im Treibhaus?
Foto: Hephaestos
Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wer das Weltklima retten will, müsse weniger Fleisch essen - denn Flexitarismus sei der Schlüssel einer klimaschonenden Ernährungsweise, so die Botschaft zahlreicher Medienberichte1. Basis dieser „Weniger Fleisch = besseres Klima“-Meldungen war eine schwedische Science-Fiction-Study, die verschiedene Szenarien zur Klimaentwicklung in Abhängigkeit vom Essverhalten vorhersagte2. „Diese Studie macht den Bock zum Gärtner, denn mehr Pflanzenkost statt Fleisch kann genauso schädlich für Klima und Umwelt sein“, so Udo Pollmer, Wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E. e.V.). „Ein wesentlicher Grund dafür ist simpel: Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO ist über die Hälfte des landwirtschaftlich nutzbaren Landes dieser Erde nur für die Tierhaltung geeignet. Werden dort keine Tiere gehalten, werden dort Wildtiere weiden, die gleichermaßen Treibhausgase wie Methan emittieren.“

Und diese schwedische Anti-Fleisch-Studie zeigt (allerdings versteckt im Anhang) noch etwas: Bei einem starken Anstieg des Fleischverzehrs...

... sind die Klimaziele gleichermaßen erreichbar! Schaut man sich Daten der Originalstudie näher an, so kommen zahlreiche Ungereimtheiten ans Licht, die den Versuch, eine „Weltklima-Diät“ über den Speiseplan zu etablieren, ins Reich von Grimms Märchen zurückverweisen.
In der Schweden-Studie wurden die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft in fiktiven Szenarien für die Jahre 2030, 2050 und 2070 abgeschätzt. Der Verzehr tierischer Lebensmittel wurde auf seine Vereinbarkeit mit dem 2°C-Ziel überprüft, also die Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 2°C bezogen auf das Niveau zu Beginn der Industrialisierung. An sich schon ein geradezu aberwitziges Unterfangen, das im Hinblick auf das Klima unseres Himmelskörpers eine große Zahl von Spekulationen enthält. Das Fazit der Autoren: Mit einem Verzicht auf 75% aller bisher verzehrten Fleisch- und Milchprodukte und einen Ersatz derselben durch Getreide und Hülsenfrüchte werden die „Flexitarier“ zu Klimarettern.
Doch das ist Nonsens - denn bereits die fundamentalen Berechungsgrundlagen sind falsch, da sie von einem steigenden Fleischverzehr bis 2050 in Europa ausgehen. Eher das Gegenteil wird jedoch der Fall sein …  

Fleischverzehr in Europa stagniert

In Deutschland stagniert der Fleischverzehr seit mehr als zehn Jahren3, in Europa sinkt er tendenziell4, 5. „Hier erkennt man die Absicht der Autoren: Den Fleischverbrauch nach oben schätzen, um daraus dann hohe Emissionen abzuleiten“, erklärt Pollmer. Hinzu kommt die demografische Entwicklung: Die Bevölkerungszahl in vielen Ländern der EU sinkt6. „Es ist demnach eher davon auszugehen, dass immer weniger Europäer auch weniger Fleisch essen werden.“ Zieht man weitere Ungereimtheiten der Studie in Betracht, wie beispielsweise den insgesamt zu hoch extrapolierten Lebensmittelverzehr, lässt sich schlussfolgern: „Die Studienautoren haben die fiktiven Treibhausgas-Emissionen für Europa um gut 25% zu hoch angesetzt“, erklärt Pollmer. 

Steigerung des Fleischkonsum um 45% = freundliches Klima!

Daneben hat die Studie eine ganz besondere Überraschung zu bieten, die so gar nicht ins Bild des klimarettenden Fleisch-Bashings passt: Im Anhang der Studie findet sich ein Szenario, in dem eine Umstellung der jetzigen Ernährung hin zu einem massiven Anstieg des Fleischkonsums angenommen wird – ein Anstieg des Fleischkonsums um 45 %. Dabei wird das Gros der Milch und des Wiederkäuer-Fleisch durch anderes Fleisch ersetzt. Auch bei dieser Kost werden laut Autoren die Vorgaben zur Einhaltung des 2°C-Ziels klar erfüllt. Die errechneten Emissionen liegen nicht viel höher als bei einer fleischarmen flexitarischen Ernährung. Pollmer: „Die Studie widerlegt demnach ihr eigenes Abstract.“ 

Die Emissionen der Anderen …

Zieht man darüber hinaus auch andere Studien zum Vergleich heran, dann zeigt sich das übliche Bild: Verschiedene Studien, beliebige Ergebnisse. Jüngere Untersuchungen7 zeigen mitunter deutliche niedrigere Emissionen und Szenarien, die im Gegensatz zur Schweden-Studie auch ohne Ernährungsumstellung – egal ob mit mehr oder weniger Fleisch - die sogenannten Klimaziele erreichen. „Allein diese Beliebigkeit zeigt, dass Versuche Wetter und Klima über den Inhalt der Suppenschüssel zu steuern, über keine solide wissenschaftliche Grundlage verfügen. Sie beschädigen das Ansehen der Naturwissenschaft“, mahnt Pollmer.

Flexitarischer Fallstrick 1: weniger Fleisch = mehr Fläche  

Ein grundsätzlicher Trugschluss besteht in der Behauptung „Tierzucht raubt Ackerland“ - denn  der Anbau von pflanzlichen Nahrungsmitteln ist nicht überall möglich: gemäß FAO-Daten lassen sich rund 60% der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche ausschließlich zur Tierernährung verwenden. Verzichtet man zugunsten einer Verringerung des Fleischkonsums auf die Nutzung dieser Flächen, so fehlen in der Folge auch die tierischen Lebensmittel, die daraus entstanden wären als Nahrungsquelle für den Menschen. Sie müssten deshalb auf andere Art ersetzt werden. Auch in unseren Ställen ist das allermeiste Futter Heu, Gras, Stroh und Überreste vegetabiler Produkte, wie zum Beispiel: Orangenschalen, Erdnussschalen, Mühlenabfälle, Reste der Brot- und Backwarenproduktion. Das alles kann der Mensch nicht verdauen und verwerten. 

„Die Behauptung, man würde 10 Kilo Brotgetreide verfüttern“, so Pollmer, „ist völlig gaga.“ Tiere erhalten etwas Futtergetreide (meist Futtergerste), das für den Menschen nicht geeignet ist. Wenn ein Landwirt Brotgetreide anbauen kann, tut er dies, weil es sein Einkommen deutlicher mehrt, als wenn er Futtermittel erntet. Die Menge an Futter, die benötigt wird, um ein Kilo Fleisch zu erzeugen, liegt teilweise bei nur 2 Kilo – wobei das meiste gerade kein Getreide ist. Als Eiweißfuttermittel spielt Rapsexpeller neben Sojaexpeller eine immer wichtigere Rolle. Das Nebenprodukt der Biodieselherstellung, von dem in Deutschland Millionen Tonnen anfallen, kann man entweder verfüttern oder „entsorgen“. Gleiches gilt für die gewaltigen Mengen an Glycerin, die ebenfalls beim „Biodieseln“ anfallen: sie sind ein gefragtes Rinderfutter. 

Flexitarischer Fallstrick 2: mehr Gemüse = mehr Fläche 

Alle Verfechter von „Mehr Obst und Gemüse für ein besseres Klima“ sollten sich eines vor Augen führen: Das meiste Gemüse hat einen Nährwert nahe Null. Dazu haben Salat, Gurken, Tomaten, Spargel et al. einen niedrigen Hektarertrag im Vergleich zu Tiernahrung wie Futterkartoffeln oder Futtergetreide. „Der Ertrag von Spargel liegt pro Hektar bei lediglich 5 Tonnen, bei Futterkartoffeln sind es hingegen 60 Tonnen - und somit 12-mal so viel. Der kalorische Ertrag ist sogar rund 250-mal höher und alles in allem sind auch Futterkartoffeln über den Umweg Schwein für die menschliche Ernährung wesentlich wertvoller als viele Gemüsesorten für den direkten Verzehr“, so Pollmer.

Hinzu kommt der Dünger- und Pestizideinsatz, der bei Gemüse, Obst und Brotgetreide weit höher liegt als bei den meisten Futterpflanzen. Bei einem Teil der Futtermittel haben alle diese „Emissionen“ und „Verbräuche“ nichts in der Bilanz zu suchen, da sie der Verwertung von Resten dienen, die bei der Produktion von Erzeugnissen wie Biodiesel, Bier, Haferflocken oder Orangensaft anfallen und sonst extra entsorgt werden müssten. „Außerdem muss massiv bewässert werden, um Salat, Gurke & Co. zu züchten, sodass auch beim Wasserverbrauch pflanzliche Kost nicht besser abschneidet als tierische, sondern häufig sogar schlechter.“ Dies gilt leider auch für die als Alternative gepriesenen Hülsenfrüchte. 

Flexitarier fischt frische Fische …? 

Völlig außer Acht gelassen wurde bei den aktuellen Hochrechnungen der Fischverzehr - wie würde der „climatic impact of nutri-fiction“ wohl aussehen, wenn man dem Flexitarier noch einen Binnen-Hering und oder Meeres-Früchte auf den Teller legt? „Das weiß niemand - und ehrlich gesagt, dieses absolut instabile Rechenszenario würde den wirren Sachverhalt noch weiter verschwurbeln“, sagt Pollmer. Aber wer weiß, vielleicht fischen die Pescetarier bereits in diesem Moment schon im trüben Studienwasser nach den entsprechenden Datenschwärmen, die dann ihre spezielle Ernährungsweise als den Klimaretter des Jahres 2075 schlechthin positioniert … 

Fazit: Der angebliche durch die Studie geführte Beweis, unser Klima ließe sich durch eine massive Verringerung des Fleischkonsums retten, ist angesichts der komplexen ökologischen Zusammenhänge nicht im Geringsten haltbar. Flexitarische Ernährung hat mit dem Klima nichts zu tun.

 

Journalistenservice: 5 Fragen - 5 Antworten

1. Nicht nur die aktuelle Schweden-Studie sagt: Nur wenn wir weniger Fleisch & tierische Produkte verzehren, können wir die Erderwärmung aufhalten. Doch Sie sagen: Das stimmt nicht. Warum? 

Erstens: Weil dies laut den Daten der Autoren der oben genannten Studie auch mit einer fleischreiche Ernährung möglich ist. Das will angesichts der lausigen Studie und der vielen Fragen zu den oft beliebigen Klimamodellen nicht viel heißen, belegt aber, dass vegetarische Kost auch aus Sicht ihrer Protagonisten nutzlos ist.

Zweitens: Globale Landwirtschaft ist so vielfältig wie die Faktoren, die unser Wetter beeinflussen. Die Vorstellung, man könnte die Tierhaltung auf dem Hochland von Tibet oder die Folientunnel in Spanien mit ein paar pauschalen Zahlen zum geschätzten Düngerverbrauch in ein - wohlgemerkt theoretisches - Klimamodell einfügen, um daraus das Ozonloch in den Köpfen der Klimaforscher für das Jahr 2035 vorzusagen, ist milde gesagt Hybris.

Drittens: Weil eine fleischarme Kost schon allein deshalb die Emissionen erhöhen wird, weil zum Anbau der pflanzlichen Ersatzprodukte größere Anbauflächen erforderlich sind, was zu höheren Emissionen führt. Die jährliche Sojaernte liegt bei 2400 Mio. Tonnen (IGC), die Fleischproduktion bei 300 Millionen Tonnen (Weltagrarbericht). Auch wenn man den Rückstand der Sojaölgewinnung, der aufgrund seiner Phytoöstrogene und anderer Abwehrstoffe bereits als Schweinefutter problematisch ist, an Menschen verfüttern würde, wäre es dennoch notwendig, neue Flächen unter den Pflug zu nehmen. 

2. Weniger Tierzucht = weniger Treibhausgase - das klingt doch plausibel. Was soll daran schlecht oder falsch sein?

Bei der Tierhaltung werden vor allem für den Menschen nicht verwertbare Pflanzen, Essensreste, Abfälle aus der Nahrungsmittelproduktion und -verarbeitung und Zwischenfrüchte verfüttert – die im Rahmen der notwendigen Fruchtfolgen wichtig sind und hohe Erträge liefern. Viele pflanzliche Futtermittel haben de facto keinen Düngerverbrauch, auch deshalb, weil sie im Falle einer nicht Verwendung als Tierfutter entweder weggeworfen oder auf völlig ineffiziente Art und Weise zu Bioenergie verarbeitet würden. Viele Pflanzen, vor allem Gemüsesorten haben hingegen sehr niedrige Erträge gepaart mit einem äußerst geringen Kaloriengehalt, aber einen hohen Düngerbedarf haben, was die Emissionen erhöht. Wer seine „Klimabilanz“ als Vegetarier verbessern will, der müsste sich schon vorzugsweise von Kraut, Kartoffeln und Steckrüben ernähren.

3. Die Klimaforscher wollen ja keinen zum Vegetarier machen, sondern empfehlen nur, ab und zu fleischfreie Tage einzulegen, um so einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten - was ist dagegen auszusetzen? 

Fleischfreie Tage ändern den Konsum ja nicht. Wer heute von irgendetwas weniger isst, isst am nächsten oder übernächsten Tag mehr davon. Als während der BSE-Krise der Rindfleischkonsum sank, stieg parallel dazu der Käseverbrauch. Der Kunde hat den Konsum an Rindereiweiß auf gleichem Niveau gehalten, ohne es überhaupt zu merken. Diese biologische Regulation schützt den Verbraucher vor den nachteiligen Folgen einer Ernährungsberatung. Man kann schließlich ein Kilo Fleisch nicht durch ein Kilo Spargel mit Saitanklopsen ersetzen - nicht nur, weil man davon schneller wieder hungrig wird, sondern weil die Flächenbilanz schlechter wäre, als bei einem Kilo Hähnchenfleisch, erzeugt mit den üblichen Massenertragspflanzen für Hühnerfutter wie Futterweizen und Sojaexpeller.

4. Soll Ihrer Meinung nach etwa "jeden Tag Fleisch" besser fürs Klima sein als nur gelegentlich?

Das kann jeder halten wie er will. Der eine mag keinen Salat, der andere keinen Tafelspitz. Dem Klima ist das, ehrlich gesagt, schietegal.

5. Dann sagen Sie mir bitte: Wie soll ich denn nun essen, wenn ich Klima und Umwelt schonen will? Viel Fleisch, wenig Fleisch, viel Gemüse, wenig Gemüse?

Halten Sie sich einfach an den klimabewussten Ernährungstipp der Großeltern, mit dem früher die Kinder bei Tisch ermahnt wurden, wenn sie ihren Spinat wieder einmal nicht vertilgen wollten: Wenn Du nicht aufisst, dann regnet´s morgen - und da kannst nicht zum Spielen raus. Wohl bekomm´s!

Weitere themenaffine Informationen: Eine kritisch-objektive Analyse der Climatic-Change Studie  & Aktuelle Studien zu vegetarischen Legenden   

Literatur  

1. Die Welt-Klimadiät: Effektiver Klimaschutz klappt nur mit einem Verzicht auf Fleisch, pflanzenforschung de, 14.04.2014 / Klimaschutzziel nur mit weniger Fleisch erreichbar?, scinexx de, 31.03.2014 / Ohne Fleisch zum Klimaschutzziel, bild der wissenschaft online, 30.03.2014 / Veggie-Wende: Was passiert, wenn wir 80 Prozent weniger Fleisch essen?, SWR Odysso, 27.03.2013

2. Hedenus et al.: The importance of reduced meat and dairy consumption for meeting stringent climate change targets, Climatic Change, published online, 28.03.2014

3. Fleischwarenverzehr je Kopf der Bevölkerung (in kg) von 2001 bis 2012, BVDF, 13.05.2013

4. Schweine: Leichter Rückgang von Produktion und Preisen in der EU 2014, AMI, 20.04.2014 / Fleischnachfrage schwächelt zu Jahresbeginn, AMI 07.04.2014

5. Fleischverzehr in Europa 2008, BVDF / Fleischverzehr in der EU 2011, AMI (z.B. Spanien 08: 81,8Kg vs 11: 72,5Kg / Frankreich 08:69,6Kg vs 11: 68,3Kg

6. Bevölkerungsstand und -entwicklung in Europa, BPB, 23.07.2011

7. Valin et al.: Agricultural productivity and greenhouse gas emissions: trade-offs or synergies between mitigation and food security? Environmental Research Letters 2013; 8: 035019

02. Mai 2014